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Tierische Kunst – Kunst mit und über Tiere
SUPERWILDVISION

Ein intermediales Forschungsprojekt von Irene Müller.

Ob Steinbock, Wildschwein, Maus, Fuchs oder Reh, alle sind an dem Kunstprojekt von Irene Müller beteiligt. Aber nicht nur als Gegenstand der Kunst, sondern in diesem konkreten Fall als interessiertes Kunstpublikum. Es herrscht rege Betriebsamkeit vor allem in den nächtlichen Stunden im Schwarzwald. Ein Kommen und Gehen der immer gleichen Besucher die sich scheinbar nicht nur für das Futter an Ort und Stelle interessieren, sondern auch vor allem auch für die (tierische) Kunst. Ein Reh kommt daher und entdeckt das dort platzierte Kunstwerk. Es reckt den Kopf, geht näher und verschwindet dann wieder. In derselben Nacht kommt es erneut wieder und die Prozedur wiederholt sich. Es bleibt vor einem Gemälde auf dem ein Wildschwein zu sehen ist, stehen. Es hält inne und betrachtet interessiert das Objekt. Ähnlich verhält es sich mit zwei Wildschweinen. Sie kommen immer wieder an den Ort im Wald zurück an dem Irene Müller eben jenes Kunstwerk platziert hat. Sie schauen und schnuppern daran, betrachten eingehend, gehen Ihres Weges und Kommen dann zu späterer Stunde erneut wieder. Über Monate hinweg haben die Tiere des Waldes die Gelegenheit die Ein-Bild-Ausstellung besuchen und untersuchen (ganz im Gegensatz zur Situation in einem Museum) können.

Superwildvision nennt Irene Müller ihre Projektserie, die sie bislang im Schwarzwald, am Stadtrand von Stuttgart und auf über 2300m Höhe in Österreich durchgeführt hat. Dabei erwiesen sich vor allem die Steinböcke in den Zillertaler Alpen als besonders kunstinteressiert.
Superwildvision hat förmlich den Charakter eines Forschungsprojekts das sich an der Schnittstelle von Kunstwahrnehmung bei Tieren und intermedialer Gestaltung bewegt.
Die Tiere werden während der mehrmonatigen Dauer eines Projekts durch eine Infrarotkamera aufgezeichnet. Es handelt sich dabei um eine sogenannte Wildkamera, die sich farblich in Ihre Umgebung integriert und mit einem Bewegungssensor ausgestattet ist.
Sobald sich ein Tier vor die Kamera bewegt beginnt die sie mit der Aufzeichnung.

So entsteht eine Dokumentation über das monatelange Treiben der Tiere. Dieses Footage wertet die Künstlerin aus und extrahiert daraus Filmstills, die Ihr als eine Art Vorskizze für eine anschließende Umsetzung auf Leinwand dient. Das gemalte Bild bekommt so auf mehrfache Art und Weise eine Bedeutung. Zum einen ist es „Anschauungsobjekt“ für das animalische Kunstpublikum und zum anderen entstehen daraus in einer Interaktion Bilder, die sich thematisch auf die Geschehnisse vor der Kamera beziehen. Ausschnitt- und momenthaft bannt Irene Müller ihre Motive auf die Leinwand. Ungewöhnliche Bildausschnitte und Situationen spiegeln das Medium Video wider, das den Arbeiten zu Grunde liegt. So durchläuft das Werk mehrere Stadien bis es am Ende schliesslich sein endgültiges Format und Aussehen erreicht hat.

Die Ausstellungen für den menschlichen Betrachter finden meist in unmittelbarer Nähe zum ursprünglichen Geschehen statt. Virtuos und bunt, leicht und spielerisch tauchen die Tiere auf den Bildern auf – ganz im Gegensatz zur Situation unter denen die originären Filmbilder (meist nachts in infrarotgrauen digitalen Bildern) entstanden sind. Die amerikanische Naturwisschenschaftshistorikerin Donna Haraway setzte die Beziehung zwischen Mensch und Tier in den Fokus ihres wissenschaftlichen Arbeitens und ging der Fragestellung nach, wie die beiden Gattungen sich gegenseitig beeinflussen. Aspekte dieser Forschung lassen sich bei genauerem Betrachten auch an dieser Stelle in den Arbeiten Müllers wiederfinden. Dokumentation, Beobachtung, Auswertung, Analyse und Interpretation sind entlehnte Vorgänge aus dem wissenschaftlichen Arbeitsumfeld. Der Zusammenhang zwischen Forschung und Wissenschaft wird aber nicht nur bei Superwildvision deutlich. Gemeinsam mit dem Künstler Diethard Sohn hat sie auf Basis wissenschaftlich Messdaten eine Herangehensweise entwickelt diese wissenschaftliche Vorgehensweise visuell zu übersetzen und in objekthafte Landschaftsmarkierungen zu transformieren. Dabei werden überdimensional große rote Stoffstreifen in Form von Markierungen in der Landschaft installiert, komponiert und fotografisch dokumentiert. Durch diesen künstlerischen Eingriff bekommt die Landschaft eine neue visuelle Struktur und verschmilzt auf Basis der Interpretation der Messdaten zu einem einzigartigen ästhetischen Land-Art-Gefüge. Durch diese räumliche Neuinterpretation schaffen Müller & Sohn Bilder von eindringlicher ästhetischer Relevanz.

(Gabriele Engelhardt, Fotokünstlerin)